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RETROSPEKTIVE GLAUBER ROCHA  

Ziel des Cinema Novo war die „Entkolonisierung der Köpfe“. Glauber Rocha proklamierte ein visuell und politisch radikales Kino, eine „Ästhetik des Hungers“, der Wut, der Gewalt. Bereits in seinem ersten Spielfilm Barravento (1962) thematisierte er das Elend der Fischer in seiner Heimatprovinz Bahia. Ähnlich wie viele seiner Kollegen vom Cinema Novo zog es Rocha immer wieder in den Sertão, den bitterarmen Nordosten Brasiliens. Dort drehte er Filme wie Deus e o diabo na terra do sol (1964) oder O dragão da maldade contra o santo guerreiro (Antonio das Mortes) (1969). Im Gegensatz zu Regisseuren wie Nelson Pereira dos Santos oder Ruy Guerra hatten bei Glauber Rocha alle Figuren etwas Übersteigertes, waren symbolisch aufgeladene Akteure eines Dramas, das wie ein atavistischer Kampf anmutete. Hier ging es nicht nur darum, soziale Ungerechtigkeiten anzuklagen. Hier war jemand am Werke, der auch die Bildsprache des Kinos revolutionieren wollte. In dieser Hinsicht gab es eine Seelenverwandtschaft zwischen Glauber Rocha und der Avantgarde des europäischen Autorenkinos à la Jean-Luc Godard, von welchem er fasziniert war. Gleichzeitig fühlte Glauber Rocha sich, ebenso wie seine Mitstreiter vom Cinema Novo, als Avantgarde einer internationalistischen Bewegung, die eines Tages Filmemacher aus ganz Lateinamerika sowie aus den anderen Ländern des Südens umfassen sollte.

Der Militärputsch 1964 in Brasilien versetzte sämtlichen sozialen und kulturellen Bewegungen des Landes einen harten Schlag. Dennoch blieben die meisten Filmemacher des Cinema Novo im Land, verlegten sich auf einen metaphern- und anspielungsreichen „tropikalistischen“ Stil, versteckten Kritik an den herrschenden Zuständen in Symbolismen, Allegorien und historischen Anspielungen.

Ein Schlüsselwerk des Cinema Novo, das am stärksten die damalige Orientierungslosigkeit und abgrundtiefe Verzweiflung vieler Linker widerspiegelt, ist Terra em transe (1967). Eine Collage aus Erinnerungsfragmenten, die zwischen verschiedenen Zeitebenen hin- und herspringen. Die Mischung aus Chaos und kunstvoller Diskontinuität, aus abgebrochenen Gedankengängen und vollendetem Pathos erinnert an Orson Welles’ Citizen Kane und übt zum einen harte (Selbst-)Kritik an der Handlungsblockade und Weltfremdheit vieler progressiver Intellektueller. Zum andern ist der Film gleichzeitig eine Abrechnung mit der politischen Klasse, die nicht nur Brasilien, sondern ganz Lateinamerika fest im Griff hat. Die einzige Figur des Films, die innere Kohärenz und Integrität ausstrahlt, ist Sara, die das Realitätsprinzip verkörpert und eine gesunde Skepsis an den Tag legt, während die männlichen Protagonisten ständig falschen Propheten hinterherrennen.

Rochas letzter Film A idade da terra (1980), den er kurz vor seinem frühen Tod 1981 fertig stellte, steckt voller faszinierender Bilder, Gedanken und Visionen und ist seine experimentellste Arbeit, die erneut zeigt, dass er ein kompromissloser Avantgardist und ein Kultregisseur für einen kleinen Kreis von Cineasten auf beiden Seiten des Atlantiks ist.

Glauber Rocha, 1938 in Vitória da Conquista in Bahia, Brasilien, geboren, wächst in Salvador auf. Schon in seiner Jugend politisch stark aktiv begann er mit 16 Jahren freischaffend für eine lokale Zeitung zu schreiben und debütierte als Filmkritiker. 1959 produzierte er seinen ersten Kurzfilm Pátio und verfolgte seitdem eine journalistische sowie filmschaffende Karriere. 1971, während der Militärdiktatur, verließ er Brasilien und ging freiwillig ins Exil. Er wohnte u. a. in Spanien, Chile und Portugal. Er kehrte erst wegen einer Lungeninfektion nach Rio de Janeiro zurück, wo er 1981 im Alter von 43 Jahren verstarb.

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